17 Juli 2012

Kein Wunder, dass wir alle verrückt sind.


Ich wurde in eine Welt hineingeboren, in der die Dinge klar geregelt waren. Es gab vor dem Schlafengehen das Sandmännchen, nach dem zweiten Frühstück die Sesamstraße, zum Mittagessen Rosenkohl, nachmittags einen Haufen Kinder an Matsch und am Abend sowie an den Wochenenden die Heimkehr des väterlichen Familienoberhauptes. Dann roch die Siebzigerjahreplattenbauhöhle nach seinem Wangenbrennwasser: Tabac Original. Das beruhigte. Meine Mutter trug tagsüber einen geblümten Acetatkittel, den ich mit Zwieback, Bananen und Knetgummi beschmierte. Abends trug sie gelbe Schlaghosen und braunschwarz geringelte Rollkragenpullover. Nachbarjungs spuckten mir durchgekautes Weißbrot in die Frisur, nach dem Spielen war ich dreckig wie ein Bergarbeiter und teilte das Badewasser mit meiner großen Schwester, die mich vor dem Ertrinken im 15 Zentimeter hohen Wasser vermittels Klammergriff unter den Achseln bewahrte.

Im dreiprogrammigen Fernsehen gab es Gute (Helmut Schmidt, Mutter Theresa, Hanni van Haiden) und Böse (Franz Josef Strauss, RAF, Graf Zahl), in der Hitparade sangen ordentlich Ondulierte von Immerwiedersonntagserinnerungen und Tagen, an denen Conny Cramer starb, der Lebertran schmeckte nach totem Wal und die Butterbrote nach Leberwurst. Meine Eltern wussten und konnten alles, ebenso meine große Schwester. Alles, was ich tun musste, war, innerhalb dieser schönen Gewissheit körperlich und geistig heranzuwachsen. Ersteres gelang mir, bis auf einige zu vernachlässigende Kleinigkeiten (großer Zeh rechts schief, Haare an den Waden, Leberallergie) hervorragend. Zweiteres wurde durch nicht befriedigend beantwortete Fragen vereitelt, kam jedoch erst sehr viel später zum Tragen (Pubertät, grüne Haare, Dagegenseizwang).

Tage kamen und gingen, und ich wachte und schlief, aß und trank, sprach und schwieg, lachte und weinte, widerspruchslos, so wie es die elterliche Regierung vorsah. Was wohl nicht vorgesehen, aber in dieser guten, orangegefärbten Wim-Thoelke-Ratekugelwelt heimlich wirklich war:

Nachts, im Dunkeln, mutierte meine im Bette neben mir ruhende Schwester, vermeintlich schlafend, zu einem gemeinen, zum Sprung ansetzenden Monster. Die Tanne vor dem Fenster, die stückweise hinter den blauen Gardinen hervorblitzte, war in Wirklichkeit ein mich beobachtender Riese, der es ebenso wenig gut mit mir meinte, wie das Monster im Nachbarbett. Beiden war nur zu entrinnen, wenn man regungslos auf dem Rücken verharrte und Blickkontakt vermied. Der Nikolaus im Schaufenster des Supermarktes nebenan wusste, dass ich meinen Adventskalender bereits am 5.12.1975 gerecht zwischen mir und meiner russlanddeutschen Nachbarin Erika, ebenfalls vierjährig, aufgeteilt hatte und schickte mir am 6. deshalb eine Rute, die ich nicht anzufassen wagte, weil ich vermutete, dass sie lebt und unaufgefordert das Hauen anfängt. An der siebten Kachel von links auf dem Gästeklo existierte gottseidank ein von mir installierter Rettungsknopf, dessen Betätigung verhinderte, dass die grüne, im Klo wohnende Riesenschlange mit den gelben Zähnen meinem jungen Leben jäh ein Ende bereitete. Und dass meine Frau Mutter meine eingenässten Beinkleider wechseln musste.

Alles, was meiner Grundschullehrerin, die bildungsministeriell genötigt wurde, ein ausschließlich positiv ausformuliertes Zeugnis an alle ihre Siebzigerjahreerstklässler zu verteilen, dazu einfiel, war: „A. hat häufig gute Einfälle. Sie passt meistens auf. Ihre Beiträge tragen manchmal zum Unterrichtsgeschehen bei.“

So war das damals. Kein Wunder, dass wir alle verrückt sind. Und, ganz unter uns: Völlig klar, dass die Krankenkassen, Gesundheitsreform hin oder her, den Siebzigerjahrgängen häufig gänzlich unerwartet analytische Psychotherapien bewilligen. Wir machen denen vermutlich Angst.

Heute Nacht mit Sicherheit das Licht brennen lässt:

Ihre Frau B.




(08.02.2005)

Kommentare:

quadratmeter hat gesagt…

Ich fand auf Anhieb keinen Knopf zum besternen, daher: STERN! :-)

Mama arbeitet hat gesagt…

Hihihi! Gebookmarkt und ich komme wieder. Bin 1966 geboren und finde mich hier treffend beschrieben, ich mache allerdings nicht nur meiner Krankenkasse (3 Kinder, alleinerziehend, familienversichert!) Angst, sondern auch den anderen Müttern, die gut 15-20 Jahre jünger sind als ich, und deren Kinder älter sind als meine Jüngste (3).

Herzlichen Gruss, Christine

alles b. hat gesagt…

Liebe Frau Quadratmeter,

herzlichen Dank! Ich finde hier auch nie Knöpfe, da sind wir schon zwei. Und Ihren Kommentar fand ich auch recht spät, dafür bitte ich um Verzeihung!